Sehr geehrter Herr Geller – Grimm,

Herr Bürgermeister Horst Baier hat mir Ihre Mail zur Kenntnis gegeben und ich erlaube mir, Ihnen als Vorsitzender des Hauptausschusses der Stadtverordnetenversammlung und letztlich als einer der gewählten Vertreter der Pfungstädter Bevölkerung zu den Gründen unserer Haltung folgendes zu erläutern:

Sie müssen wissen, dass seit vielen Jahren ein politischer Beschluss und Einigkeit besteht, in der Bewirtschaftung städtischer Flächen auf den Einsatz von Pestiziden zu verzichten. Gifteinsatz ist von uns grundsätzlich nicht gewollt.

Im Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen und unseren Artenvielfalten haben wir langjährige Erfahrungen gesammelt, denn wir haben einerseits die Pfungstädter Dünen, das Pfungstädter Moor, Bannwald und FFH Gebiete, letztlich den größten zusammenhängenden Wald im Westen Darmstadts als kommunalen Wald, andererseits haben wir auf unserer Gemarkung mit Abstand das größte Wasserreservoir zur Versorgung des Rhein Main Gebietes mit all den damit verbundenen Konflikten ( mehr als 20 Mio cbm Wasser werden durch Hessen Wasser gefördert, etwa 1 Mio zur Eigenversorgung unserer Bevölkerung durch ein eigenes Wasserwerk).

Die bürokratischen Zuständigkeiten in diesem Zusammenhang sind fast unübersichtlich, die gesetzlichen Vorgaben allerdings klar. Die Schutzgüter sind klar definiert.

Wir wurden aus unserer Verantwortung für den kommunalen Wald kurz vor Weihnachten mit der lapidaren Mitteilung konfrontiert, dass die jahrelangen Arbeiten der unterschiedlichsten Behörden zur Bekämpfung der Maikäfer in der Aussage der Ministerin münden, die Maikäfer mit Dimethoat nicht zu bekämpfen. Dazu keinerlei alternative Mitteilungen oder Auseinandersetzung, wie eine nachhaltige Perspektive für den Wald hergestellt werden kann.

Wir haben uns dann sofort die konkreten und auf unser hauptsächlich betroffenes Waldgebiet vorliegenden Fakten angesehen und waren sehr verzweifelt zu erfahren, dass es möglicherweise Alternativen gibt (Pilze, Bewässerung), diese aber mangels Zulassung oder Undurchführbarkeit nicht möglich seien.

Wir haben uns außerdem die Arbeiten des Hessen Forstes sehr genau angesehen, die seit März 2009 dem RP und den beteiligten Behörden vorliegen und die konkret die Wirkungen von Dimethoat auf die in unserem Wald vorhandenen Pflanzen und Lebewesen darstellen. Sie können diese Unterlage auf unserer Homepage, die den Angaben des Hessen Forstes voll inhaltlich entsprechen, selbst anschauen.

Nach Einbindung unserer Naturschützer in Pfungstadt, die seit vielen Jahren den Wald und auch die Tiere betreuen und jeden qm kennen, kommen wir zum Ergebnis, dass es unverantwortlich ist, den Lebensraum Wald auf einer Fläche von mindestens 350 ha (fast die Hälfte unseres Waldes) durch die nächste Generation Maikäfer vollständig zu verlieren.

Bitte sehen Sie mir nach, dass Ihre Hinweise auf Lindan etc. im Zusammenhang nicht angebracht sind, denn dies wissen wir auch. Das Aufspiegeln des Grundwassers ist eine Idealvorstellung auf unserer Gemarkung, die längst von den Realitäten einer veränderten Kulturlandschaft überholt ist.

Richtig ist, dass eine rechtzeitige Strategie der Bewässerung hätte helfen können, oder auch Verfahren mit Pilzbefall, die allerdings in Deutschland nicht zugelassen sind.

Nach unserer Auffassung hat die jetzige Organisationsform des Naturschutzes mit einem Wust von Zuständigkeiten dazu geführt, dass keine Lösung gefunden wurde. Wir fühlen uns schlichtweg allein gelassen.

In Abwägung der vorliegenden Fakten sind wir mit ganz großer Mehrheit zum Ergebnis gekommen, diesen Einsatz anzugehen. Wir tun das nicht gerne und es hat auch nichts mit „gallischem Dorf“ zu tun. Kein Mensch schaut tatenlos zu, wie ein seit hunderten von Jahren gewachsener Wald mit seiner Vielfalt zerstört wird.
Harald Polster

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Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Magistratsmitglieder,

ich gehe sicher davon aus, dass die Entscheidung des Einsatzes eines
Gifteinsatzes im Pfungstädter Wald davon getragen wird den Bürgern und
Gästen der Stadt einen guten Dienst zu leisten. Ich würde mich sehr
freuen, wenn auch aus folgenden Gründen der Einsatz unterbleiben würde.

Der Maikäfer ist seit Aufkommen der Wälder nach der Eiszeit in
Mitteleuropa ansässig und kein Wald wurde jemals vollständig von ihm
vernichtet. Die Forstbücher sind dafür ein Beleg. Würde uns die
Möglichkeit gegeben, nur dieses Tier zu dezimieren, wäre eine Diskussion
über den Einsatz vielleicht denkbar.

Die im letzten Jahrhundert verwendeten Gifte sind uns noch heute gut in
Erinnerung. DDT und Lindan finden sich noch immer in der Nahrungskette –
auch in der Muttermilch unserer Töchter. In den armen Ländern finden
diese Gifte noch immer ihre Abnehmer. Auch damals ließ man die Industrie
und die Land- und Forstwirtschaft gewähren und vertraute ihnen. In
Wirklichkeit vergiftete man nicht nur ein Tier sondern tausende Arten
komplexer Lebensräume und letztendlich auch den Menschen. Das ist leider
jederzeit wiederholbar und das verwendete Mittel Dimethoat ist auch für
den Menschen gefährlich.

Was aber passiert beim Einsatz in den bereits vorgeschädigten Wäldern.
Das Kontaktgift wird einen Großteil der erwachsenen Maikäfer töten –
wobei etliche Tiere noch zur Eiablage gelangen. Die anderen 4- bis 5.000
Tierarten der Wälder und Wiesen gehen mit dem Maikäfer zu Grunde. Da
sind beispielsweise diejenigen, die Blüten bestäuben und Honig
produzieren. Auch tausend Arten, die Laub und totes Holz zu Humus
verarbeiten oder Pilze für deren Zersetzung bereitstellen, sind dem
Untergang geweiht. Bodenbildung wird auf Jahre unterbleiben. Jahre oder
Jahrzehnte wird es brauchen, bis diese Vergiftung der Ökosysteme
ausgeheilt sein wird. Ich male ganz sicher kein Schreckgespenst auf,
denn leider haben wir darin schon ausreichend Erfahrung sammeln müssen.
Warum Forstwirte immer wieder auf diese Kanonen zurückgreifen, bleibt
auch mir unverständlich.

Es sei in diesem Zusammenhang noch gefragt, warum zahlreiche
Waldstandorte Südhessens in Bedrängnis gekommen sind. Hat der Forst
nicht ausreichend ungünstigste Böden bepflanzt, die Jahrhunderte allein
den Schafen und dem Militär dienten? Wenn nicht Industrieabgase oder
Stürme der Waldindustrie als Grund für eine verfehlte Bewirtschaftung
dienen können, muß es eben ein Tier sein. Den flachwurzelnden Kiefern
gefällt es aber auch nicht, dass ihnen zunehmend mehr Wasser in
Südhessen abhanden kommt. Das Austrocknen ist weithin sichtbar. Ein
geschädigter Baum wird sicherlich dem Maikäfer wenig entgegensetzen können.

Pfungstadt hat eine in Deutschland einmalige Artenvielfalt auf seinen
mageren Sandböden. Hunderte seltener Tier- und Pflanzenarten sind hier
ansässig, für die die Stadt ebenso Verantwortung trägt, wie für die
Bürger. Beide sind von einem Gifteinsatz bedroht. Als regelmäßiger Gast
dieser grandiosen Natur bitte ich für deren Erhalt. Der Maikäfer kommt
und geht seit Jahrtausenden. Die vergifteten Überlebenden und die Toten
dienen aber neuen Generationen als Nahrung und tragen einmal wieder das
Gift bis zum Menschen.

Mit freundlichen Grüßen
Fritz Geller-Grimm


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